FREIHEIT

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ (Benjamin Franklin)

In den letzten Monaten ist mir im Nachdenken über unsere Gesellschaft und die Gemeinde immer wieder das Stichwort „Freiheit“ durch den Kopf gegangen. „Freiheit“ ist einer der Werte für die Menschen gekämpft und Revolutionen angezettelt haben. So ging es in der französischen Revolution um „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. „Freiheit“ gilt heute unbestritten als ein Recht, das Menschen in vielen Bereichen ihres Lebens haben (bzw. haben sollten). In unserem Land sind viele Freiheiten gesetzlich garantiert und geschützt. Wir wissen aber auch, dass Freiheit immer wieder gefährdet und bedroht ist – von außen und von innen.
Unser menschliches Streben nach Sicherheit gefährdet die Freiheit von „innen“. Gerne singen manchen heute von der Freiheit der Kinder Gottes. Aber wie ist es darum bestellt?

Freiheit … im AT

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9)
Der Psalmbeter lebt mitten unter den Feinden. Sein Leben ist bedroht. Aber in dieser Enge seines Lebens gibt ihm die Bindung an Gott eine Freiheit, die weiter schauen lässt. Der Blick bleibt nicht gefangen in den negativen Umständen, sondern bleibt fixiert auf die Möglichkeiten und Zusagen Gottes. Ihm ist zu trauen – mehr als allem, was sonst so offensichtlich scheint.

Freiheit … im NT

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“, schreibt Paulus in Galater 5,1. Auch die neutestamentliche Gemeinde scheint nicht automatisch vor dem Verlust der Freiheit durch Jesus Christus geschützt zu sein. Die Gefahr des Rückzugs in (alte) Gesetzlichkeiten gab es damals offensichtlich. Und es gibt sie heute!

Nachgedacht 092017Freiheit … bei Martin Luther

Martin Luther schreibt in der ersten der 30 Thesen seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
Ganz bewusst widersprüchlich formuliert, dringt Martin Luther darauf, dass Christen wirklich freie Menschen sind. Natürlich war das gegen die damalige Unterdrückung der Menschen durch Papsttum und Obrigkeit gerichtet. Dennoch ist es eine ganz allgemein gültige Aussage.
Gegen ein falsches Freiheitsverständnis ist der zweite Satz gerichtet. Die Freiheit, die Luther meint, ist gegründet in der Bindung an Jesus Christus und seine Gnade. Sie zeigt sich in der gelebten Liebe, die Gott in unser Leben gegeben hat.

Freiheit … heute

Freiheit scheint mir heute wieder ein bedrohtes Gut zu sein. In unserer Multioptionsgesellschaft haben wir Menschen tagtäglich die Qual der Wahl. Nie gab es so viele Möglichkeiten, die dem Einzelnen offenstehen. Nie mussten so viele Entscheidungen getroffen werden, wie heute. Ständig gilt es auszuwählen: Vor dem Supermarktregal. Vor dem Bildschirm. Welche der Informationen, die über die Medien auf mich einprasseln, lasse ich an mich heran?
So faszinierend die vielen Möglichkeiten auch sind: Es ist ein Unterschied, ob ich mich für eine von drei Möglichkeiten entscheiden muss, oder für eine von tausend. Mancher wird daran irre, brennt aus oder sucht die einfachen Lösungen. Das zeigt sich gesellschaftlich in dem, was oft „Populismus“ genannt wird: einfache Parolen und Lösungen. Das gibt scheinbar neue Sicherheit. Und so mancher Christ wünscht sich, dass in dieser so komplizierten Welt dann doch wenigsten in seinem Glauben und in der Gemeinde alles ganz einfach und klar sein soll.
So wird die Suche nach Orientierung wieder ganz neu zur Herausforderung.

Der Charme der einfachen Lösungen liegt darin, dass die Lösung scheinbar vorgegeben ist. Das gilt in der Politik, der Gesellschaft oder im Glaubensleben. Wirkliche Entscheidungen muss ich nicht mehr treffen. Ich muss mich nur an das Vorgegebene halten. Ich weiß, was zu tun ist. Meine Verantwortung ist allein, das umzusetzen. Eine verantwortliche Entscheidung muss ich nicht mehr treffen.

Im Neuen Testament begegnet uns solches Denken und Handeln in ausgeprägter Form bei der Gruppe der Pharisäer. Die meinen es durchaus ernst mit ihrem Glauben. Aber Jesus macht gerade ihnen gegenüber deutlich: Das Gesetz ist für die Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz. Der damals konkreteste Streitpunkt war das Sabbatgebot. Jesus hat es mehrfach übertreten, aber nicht, weil er das Gesetz auflösen wollte. Er wollte, dass das Sabbatgebot den Menschen helfen und dienen sollte – und nicht umgekehrt.

Deshalb bedeutet Christsein heute nicht, einfach nur einen Katalog von Regeln zu befolgen. Christsein heißt auch nicht, einfach zu tun, was andere sagen. Christsein heißt, dass jeder selbst aus der Liebe Gottes heraus und im Hören auf sein Wort Antworten für die Fragen seines Lebens und unserer Zeit findet.
Die Grundlage des Glaubens ist schlicht und einfach: Gott liebt uns Menschen, jeden einzelnen. Gott versöhnt uns mit sich durch Jesus. Dankbar dürfen wir das annehmen und Jesus als unseren Herrn bekennen.
Das heißt aber nicht, dass die richtige Antwort auf konkrete Fragen immer in den einfachen Lösungen liegt. Das Neue Testament spricht davon, dass wir im Glauben wachsen sollen. Wir sollen „erwachsen“ werden und nicht im Stadium eines geistlichen Kleinkindes verharren. Wir sollen fähig werden, eigenständig und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen.

Mit Sorge nehme ich war, dass auch unter Christen die Tendenz zu einfachen Lösungen, zu vermeintlicher Klarheit wieder größer wird.

Unser Jahresthema „glauben.leben.lernen“ möchte uns dazu motivieren, verantwortliches und mündiges Christsein zu leben. Vieles, was in der Gemeinde geschieht, soll dem dienen. Dazu lesen wir gemeinsam Bibel. Dazu beten wir miteinander. Dazu lehren wir. Und dazu feiern wir gemeinsam Gottesdienst mit Anbetung und Hören auf Gottes Wort.

So wünsche ich uns allen in den kommenden Monaten viele hilfreiche Impulse, die jeden Einzelnen, aber auch uns als Gemeinde weiterbringen.

 

Pastor Harald Kufner
Quellangabe der verwendeten Texte

Bibeltexte: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, 1984, Deutsche Bibelgesellschaft