Liebe Gemeinde,

wir leben in einer Zeit, in der wir mit vielen neuen Regeln und Verhaltensweisen konfrontiert werden. An jeder Ecke entdecken wir Schilder und Hinweise, die uns sagen: Man sollte sich regelmäßig die Hände waschen, man sollte einen Mund-Nasenschutz tragen, man sollte Abstand halten usw.

Dieses kleine Wörtchen „sollte“ kann man in zwei verschiedene Richtungen interpretieren. Wenn jemand sagt, dass man etwas tun sollte, kann man es als eine Verpflichtung verstehen, als eine moralische Verbindlichkeit oder eine Regel. Aber es gibt noch eine andere mögliche Interpretation. „Sollte“ kann auch eine Möglichkeit ausdrücken. Man sollte ein bestimmtes Buch lesen, weil es großartig ist. Man sollte einen bestimmten Ort besuchen, weil es dort wunderschön ist. Man sollte etwas tun, weil es eine fantastische Gelegenheit ist, eine große Chance oder weil man etwas nicht verpassen sollte. „Sollte“ kann also ein Ausdruck für eine Verpflichtung bzw. Regel oder für eine großartige Möglichkeit sein.

Manchmal kann es vorkommen, dass wir dieses Wort falsch interpretieren oder anwenden. Unseren Kindern lehren wir zum Beispiel, dass man dankbar sein sollte. Eine Frage, die scheinbar alle Eltern ihren Kindern stellen, wenn sie etwas geschenkt bekommen haben, lautet: „Was sagt man? Was sagt man zu der Tante, die dir das Bonbon gegeben hat? Was sagt man, wenn dir jemand einen Gefallen getan hat?“ Wir bringen unseren Kindern bei, dass Dankbarkeit eine Verpflichtung ist. Man „sollte“ danke sagen. Und natürlich ist Dankbarkeit eine Verpflichtung. Undankbarkeit ist falsch. Aber es ist schwer, echte Dankbarkeit zu empfinden, wenn man es nur als eine Verpflichtung versteht.

Der Apostel Paulus machte einmal eine wundervolle Aussage über
Dankbarkeit. Paulus kannte  Leiden, er kannte Probleme und Schwierigkeiten, er kannte Krankheiten. Und während er im Gefängnis sitzt, schreibt er:

„Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“

(1.Thess.5,18) Das Wort „Dinge“ kann man auch mit dem Wort „Umstände“ übersetzten. Seid dankbar in allen Umständen. Paulus sagt hier nicht, dass unsere Umstände der Wille Gottes sind. Es gibt eine Menge schlechter Umstände wie Krankheiten, ein Virus, dunkle Zeiten, Sorgen und Ängste. Nicht unsere Umstände sind von Gott gewollt, aber der Wille Gottes ist Dankbarkeit. Und diese Dankbarkeit wird hier nicht als Verpflichtung verstanden (du „solltest“ dankbar sein), sondern als eine großartige Möglichkeit (du „solltest“ dankbar sein).

Aber wie kann man dankbar sein, trotz widriger Umstände? Paulus gibt uns einen Hinweis. Er sagt: 

„…denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“

Paulus macht uns deutlich, dass es nicht darum geht, dass unsere Leben manchmal einer Achterbahnfahrt gleichen. Manchmal sind die Umstände schlecht und manchmal sind sie gut. Wenn sie gut sind, sind wir dankbar. Es geht auch nicht darum, dass eine Haltung der Dankbarkeit zu einem zufriedeneren Leben führt – obwohl das stimmt. Nein, Paulus sagt, dass unser Glaube an Christus die Grundlage für Dankbarkeit ist. Unser Glaube daran, dass Gott in Christus gehandelt hat. Gott hat diese Welt ins Dasein gesprochen, er hat uns erschaffen und alles gut gemacht. Dann aber kam die Sünde in die Welt. Rebellion gegen Gott, menschliche Dunkelheit und alle Arten von Leid breiteten sich in der Welt und in den Herzen der Menschen aus. Inmitten dieser Dunkelheit handelte Gott. In Jesus nahm er all unser Leid, all unseren Schmerz auf sich selbst – und das bedeutet: Gott weiß, wie es ist. Er kennt die Einsamkeit, das Bedauern, die Krankheit, den Tod, weil er es selbst in Jesus erfahren hat.
In Jesus gab Gott das Beste, was er hatte. Er handelte, um die Schuld, das Leid und den Tod zu besiegen, und eines Tages werden wir seinen Sieg in seinem ganzen, herrlichen Ausmaß erkennen.
Diese kleine Aussage von Paulus „…in Christus Jesus…“ ist die Grundlage für all unsere Dankbarkeit. Jedes andere Geschenk, jede andere Segnung, jeder gute Umstand kommt und geht, aber Christus bleibt.

Der Grund, warum Dankbarkeit in allen Umständen einen Sinn ergibt, ist, dass die Grundlage unseres Lebens nicht unsere Umstände sind, sondern Christus. Gott hat unter den Umständen gelitten und über die Umstände triumphiert in Christus. Deswegen ist Dankbarkeit eine großartige Möglichkeit und sie lenkt unseren Blick auf den, der am Kreuz hing und auferstand.

Ich wünsche uns, dass uns dieser Blick, auch in der Zeit des Abstandes und der Isolation, nicht verloren geht.

Björn Letschert
Gemeindereferent