Ich glaube – hilf meinem Unglauben.
Diese Aussage aus Markus 9,24 ist als Jahreslosung für das neu begonnene Kalenderjahr 2020 ausgewählt worden. Liest man den Text, dem dieses Bibelwort entnommen ist, so wird ein-dringlich deutlich, dass es sich dabei nicht um eine Aussage oder Erkenntnis aus einer persönlichen Selbstreflektion heraus handelt, sondern um einen Aufschrei aus tiefster innerer Verzweiflung.

Textlesung: Markus 9, 14-29
Der Junge litt seit seiner Geburt an einer besonders schlimmen Form von Epilepsie. Damals führte man die Anfälle auf die Besessenheit durch einen Dämon zurück. Diese Krankheit bedeutete eine langjährige existenzielle Belastung der Familie und soziale Ausgrenzung.
Der Vater sieht Jesus als die letzte Chance auf eine Wende. Umso enttäuschter ist er, als die Jünger in der Abwesenheit von Jesus keine Heilung vollbringen können. So wendet er sich verzweifelt aber auch zweifelnd an Jesus.

Auf dessen Ansprache auf seinen persönlichen Glauben hin wird ihm klar, dass er sich zwar vertrauens- und hoffnungsvoll an Jesus gewandt hat, aber nicht den Glauben hat, von dem Jesus spricht. Ehrlich wendet er sich mit dieser Erkenntnis in seinem Aufschrei an Jesus. Dieser Aufschrei aus der Verzweiflung heraus ist ein Schritt des Vertrauens und der Hingabe an Jesus. Wie tröstlich, dass Jesus das nicht zu wenig ist!


Das bedeutet nicht nur eine Ermutigung für diejenigen, die ganz am Anfang des Glaubens stehen oder unsicher, von Zweifeln geplagt sind, aber glauben wollen, sondern auch für diejenigen, die glaubensgewiss und bereits viele Jahre im Glauben unterwegs sind.
In diesem Markusbericht geht es um das Thema Glauben, zu dem man ganze Predigtreihen füllen könnte, weil die Bibel so viel dazu sagt.
Glaube ist ein Geschenk Gottes, um das wir mit offenem Herzen bitten, das wir ihm aber nicht abringen und schon gar nicht selbst erzeugen können. Dabei geht es nicht in erster Linie um ein Für-wahr-halten bestimmter Glaubenssätze oder religiöser Überzeugungen. Es geht um ein existenzielles Sich-einlassen. Es geht um einen Herrschaftswechsel in meinem Leben, bei dem ich mein ganzes Vertrauen, mein Herz und mich selbst mit meinem ganzen Leben uneingeschränkt Gott übergebe.
Glauben kann ich nicht einmalig haben oder besitzen. Er ist nichts Statisches, sondern ein Unterwegssein. Ich muss ihn mir immer wieder schenken lassen. Das ist ein Prozess, der jeden Tag neu passiert und der gepflegt werden muss. So kann ich im Glauben wachsen.


Aber – und jetzt wird es sehr persönlich:

In jedem Leben gibt es Momente, in denen der Eindruck entsteht, es geht nicht mehr weiter, nichts trägt mehr. Es gibt Momente, da ist alles in Aufruhr. Was bisher im Gleichgewicht war, gerät ins Wanken. Tiefe Glaubensüberzeugungen stehen plötzlich in Frage und der Glaube droht zu schwinden.
Auslöser kann eine schwere Krankheit sein oder der nahe Tod, der Verlust meines Arbeitsplatzes oder eines mir nahe stehenden Menschen, erfahrene Ablehnung/Zurückweisung, soziale Ausgrenzung, Finanzprobleme, Überforderung oder Angst vor der Zukunft, Leid im Umfeld und weltweit. Mir stellen sich existenzielle Fragen und ich finde und erhalte keine Antwort. Ich gewinne den Eindruck, Gott greift nicht ein oder nicht so, wie er m. E. eingreifen sollte. Es überkommen mich Zweifel an der Existenz Gottes oder daran, dass ihm mein kleines Leben wirklich wichtig ist.
Diese Erfahrungen, wenn Zweifel oder Verzweiflung, Angst oder gar Panik die Regie übernehmen kenne ich aus meinem Leben.
Und ich denke, dass jeder hier seine eigenen Erfahrungen beisteuern könnte.
So erging es selbst den Jüngern, die mit Jesus unterwegs waren. Was hatten Sie nicht schon alles mit ihm erlebt. Kam dann die nächste Herausforderung, machten sich oft Ängste und Hilflosigkeit breit, so dass Jesus sie fragte:

„Was seid ihr so furchtsam?
Habt ihr noch keinen Glauben?“

(Mk. 4, 40)

Allen, die sich in einer solchen Lebenssituation befinden oder in eine solche kommen, in der der persönliche Glaube ins Wanken kommt, Zweifel dominieren durch was auch immer, kann der Bericht im Markusevangelium eine Ermutigung sein, Hoffnung geben. Denn er macht deutlich:

Jesus ist es wichtig, dass ich/ dass wir mit unserem Zweifel, mit unserem Unglauben oder klein gewordenen, angefochtenen Glauben zu ihm kommen und ehrlich vor ihm sind. Er benötigt keinen perfekten, unerschütterlichen Glauben, um uns annehmen zu können. Wir dürfen dann erleben, dass Gott in unser Leben eingreift und dadurch unseren Glauben stärkt.

Ich glaube – hilf meinem Unglauben. Ehrlich und Jesus zugewandt ist dies das beste und oftmals das einzige Gebet eines Christen in Not, Glaubensanfechtung, Zweifel und Verzweiflung. Es äußert ein -wenn auch noch so kleines- Grundvertrauen in Gott und erkennt:
– Eigene Not und Verzagtheit
– Eigenes Unvermögen, eigene Begrenzung sowie die eigene Ohnmacht,
   den Glauben mit eigener Vernunft oder Kraft wirken zu können
– Dass Jesus der Eine ist, der noch helfen kann.

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres und Jahrzehnts.

Welche Herausforderungen erwarten mich? Wie kann ich ihnen begegnen?
Welche Rolle spielt dabei mein Glaube/ mein Vertrauen an Gott und wie ist es gerade darum bestellt?
Im vor mir liegenden Jahr kann mir die Jahreslosung ein Begleiter sein. Besonders bei Herausforderungen in die ich gestellt werde oder in schwierigen Situationen, in die ich mich selbst hineingeritten habe. Ich darf mich offen und ehrlich an Jesus wenden, egal wie klein vielleicht mein Glaube nur noch ist. Er wird mir die erforderliche Kraft geben und eingreifen – nicht unbedingt so, wie ich mir das vorstelle oder wünsche, aber so, dass es mir zum Besten dient.
Aber nicht nur in Notsituationen sollten wir Jesus für eine Stärkung, für das Wachsen unseres Glaubens bitten. Es ist ein wichtiges tägliches Anliegen.

So wünsche ich allen ein glaubensvolles und bewahrtes neues Jahr!
Andacht zur Jahreslosung Gunther Otto