Viele werden gestern Abend gedacht haben „schon wieder rum?“ und heute blicken wir auf ein noch ungefülltes neues Kalenderjahr. Seit nunmehr 92 Jahren ist es gute Tradition, dem neuen Jahr ein Bibelwort voranzustellen. Entsandte aus verschiedenen Kirchen und Organisationen wählen einen Vers aus der Bibel, der geeignet ist, viele unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen anzusprechen und durch das Jahr zu begleiten.

Die Jahreslosung für 2022, die wieder weltweite Verbreitung findet, lautet:

(Jesus Christus spricht:) Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Joh. 6,37)

Eine großartige, außergewöhnliche Einladung und Zusage, die aber auch -zunächst eher unbemerkt- Zumutung und Herausforderung beinhaltet!

Schauen wir uns als Erstes an, für wen diese Einladung, diese Zusage gilt, dann wird uns auch die Dimension deutlich, die dieses Bibelwort hat:

Eindrücklich, greifbar wird das, wenn wir uns für einen Moment vorstellen, wir stehen mit einem Fotoapparat mit Weitwinkelobjektiv (für die Jüngeren unter uns mit z.B. auch einem I Phone 12) an einem belebten Nachmittag gut positioniert in der Louisenstraße (für alle Nicht-Bad Homburger: das ist die Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße in Bad Homburg) und schaffen mit einem Klick eine Momentaufnahme von der Straßensituation. Wem es leichter fällt, darf sich gerne auch gedanklich auf die Frankfurter Zeil versetzen.

Wen sehen wir da?

Da ist eine junge Familie beim Bummeln, ein Anzugträger, der es eilig hat, eine alte Frau, die mühsam ihren Rollator bewegt, die Verkäuferin am Obststand, die gerade einen älteren Herrn bedient, eine Gruppe junger Leute -mit ausländischer Herkunft?- in sportliche Jacken gekleidet, die seriös wirkende, etwas ältere Dame, die gerade die Commerzbank betritt, vor der rechts wie immer der stadtbekannte Bettler sitzt, da tritt -gerade noch erfasst- am rechten Bildrand ein extravagantes, total aufgetakeltes Pärchen auf den Plan und eine Reihe normalerscheinende Leute sind auch zu sehen …

Je nach Bildausschnitt, Uhrzeit und Stadt ließe sich die Aufzählung beliebig verlängern, und es wird deutlich, mit dem Wer sind wirklich alle gemeint, nicht nur, weil Jesus das hier so sagt, sondern weil er das auch so gelebt hat:

Jesus ließ sich ansprechen und wandte sich zu – den ernsten Gläubigen, verkrachten Existenzen, ganz normalen Menschen, verachteten Prostituierten, reichen Bürgern, einfachen Handwerkern, Zolleintreibern und Betrügern, Menschen mit ansteckenden Krankheiten, Erwachsenen und Kindern …

Jeder und jede konnte zu ihm kommen

Schauen wir noch einmal auf das Foto von der Louisenstraße oder der Zeil:

Was wir darauf nicht sehen können, sind die aktuelle Lebenssituation und der Gemütszustand

  • sind derjenige oder diejenige auf dem Foto gerade froh und glücklich z.B. über eine bestandene Prüfung, über ein Kind oder ein Enkelkind, die Liebe in der Beziehung, eine überstandene Krankheit, den Arbeitsplatz oder Anderes mehr?
  • sind derjenige oder diejenige auf dem Foto gerade orientierungslos, verzweifelt weil das Geld nicht mehr reicht, die Beziehung zerbrochen oder eine nahestehende, wichtige Bezugsperson gestorben ist, die Einsamkeit kaum noch ertragen werden kann, Krankheit oder persönliches Versagen an einem nagt, Ängste einen umtreiben oder Anderes mehr?

Die Frage war: Wen spricht Jesus an, wer steckt hinter diesem Wer von „wer zu mir kommt“? Es ist, denke ich, bildhaft deutlich geworden, dass wirklich alle gemeint sind, egal was sie äußerlich oder innerlich gerade ausmacht, d.h. aber auch: Du und ich sind auch dabei.

Wirklich alle sind eingeladen, zu Jesus zu kommen mit dem, was wir sind und uns prägt, aber auch mit dem, was unsere, was Deine und meine Lebenssituation ausmacht, was umtreibt. Niemand wird von Jesus abgewiesen!

Eine einzige Bedingung steckt allerdings in diesem Vers: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Kommen bedeutet einen aktiven Schritt, sich in Bewegung setzen. Ich darf und muss kommen, ob mit vielen Fragen behaftet, in großer Unsicherheit, mit Vorbehalten und Vorwürfen, oder eventuell in tiefer Scham. Dieser Schritt auf Jesus zu, und sei es mit kleinstmöglichem Vertrauen, ist meine erforderliche Antwort auf seine Einladung.

Wichtig dabei ist, dass diese Einladung Jesu während deines und meines Lebens keine Gültigkeitsdauer hat und auch in der Häufigkeit nicht beschränkt ist!

Das kann ich aus meinem Leben bestätigen: mit 14 Jahren bin ich zu Jesus gekommen und habe mich mit 15 Jahren taufen lassen. Seitdem sind etwa 50 Jahre vergangen, eine lange Zeit, in der mein Glaube Anfechtungen ausgesetzt war, in der ich Fehler gemacht, versagt und manchen Mist gebaut habe, in der ich mich an anderen Menschen versündigt und enttäuscht habe, eine lange Zeit, in der ich an Grenzen gekommen bin bis hin zu Panikattacken, weil ich nicht wusste, wie es mit und in meinem Leben weitergehen kann. Bis heute durfte ich erfahren, dass ich in allem immer wieder neu zu Jesus kommen kann und darf, und er mich nicht abweist, sondern mir vergibt, mich hält, mich neu ausrichtet und mir neue Zuversicht schenkt und an meiner Seite ist.

Die Jahreslosung 2022 also eine unverbrüchliche Zusage, die für das neue Jahr und jeden Tag darin Zuversicht gibt. Worin liegen dann Zumutung und Herausforderung, die ich eingangs angesprochen habe und die so groß sind, dass sich im Laufe seiner Rede viele Zuhörer von Jesus abwenden?

Ein solcher Vers, wie wir ihn in der Jahreslosung haben, weist in der Regel eine Vor- oder Hintergrundgeschichte auf, steht also in einem Zusammenhang. Darauf zu sehen, ist häufig wichtig für ein tieferes Verständnis. Deswegen will ich uns das heute Morgen nicht vorenthalten.

Einen Tag zuvor spricht Jesus zu einer großen Menschenmenge. Die Zuhörer vergessen darüber die rechtzeitige Rückkehr, und es kommt zur Versorgung der hungrig gewordenen mit fünf Broten und zwei Fischen, auch bekannt als „die Speisung der 5.000 oder das Brotwunder“. Daraufhin sieht die Menge in Jesus den verheißenen Propheten und Messias und will ihn zum König machen. Dem entzieht sich Jesus.

Am nächsten Tag macht ihn die Menge dann wieder ausfindig und bedrängt ihn erneut. Sie stellen ihm Fragen wie: „Welche Werke müssen wir tun, um Gott zu gefallen. Welche Zeichen kannst Du noch tun, damit wir deinen Worten glauben können.“ Und sie wollen, dass Jesus sie für immer mit dem Brot versorgt, wie am Vortag, oder mit dem Manna, das die Israeliten bei ihrem Durchzug durch die Wüste ernährt hatte.

Jesus geht auf ihre Fragen ein und antwortet Ihnen:

„Das, was Gott will, ist, an den zu glauben, den Gott gesandt hat.“ (Joh. 6, 29)

Und schließlich: „Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht.“ (Joh. 6, 33 und 35-36)

Das sprengt bis heute die Vorstellungskraft und ist eine Zumutung für die Zuhörer, ganz nach dem Motto: Der überschätzt sich total. Wir kennen doch seine Eltern. Hiernach und nach weiteren Ausführungen von Jesus gehen viele Zuhörer und Nachfolger zurück und kommen nicht wieder.

In der Rede Jesu und diesem Bild vom Brot des Lebens geht es offenkundig nicht um leibliche Dinge. Und Leben meint in diesem Text mehr, als die bloße Existenz. Leben bedeutet hier ein neues Verhältnis zu Gott. Dieses wahre Leben in neuer Beziehung zu Gott ist gekennzeichnet von Vertrauen und Liebe. Ohne Jesus bleiben wir getrennt von Gott, d.h. er schenkt Leben. Wer zu ihm kommt, ihn kennenlernt, anerkennt und annimmt, der erfährt, dass alles ungestillte Verlangen, alle unstillbaren Wünsche ein Ende finden. Wenn wir Christus kennen und durch ihn Gott kennenlernen, dann erfahren wir, dass der bisherige Lebenshunger und Lebensdurst gestillt werden und die Seele zur Ruhe kommt.

Das erfahre ich, wenn ich zu Jesus komme, zu dem, der mich nicht abweist, sondern mir wahres Leben schenken will, das weit über die bloße Existenz hinausgeht. Ich darf in Verbindung mit der Jahreslosung also wissen, dass Jesus die absolute Autorität hat, diese Einladung auszusprechen und zu erfüllen.

Dafür ist er in diese Welt gekommen (was wir gerade zu Weihnachten gefeiert haben), hat auf dieser Welt in enger Verbindung mit Gott gelebt, durch sein Reden und Wirken gezeigt, wer und wie Gott ist, und er hat sich stellvertretend für Deine und meine Nichtbeziehung zu Gott und damit für Deine und meine Lebensverfehlung geopfert am Kreuz; und er ist auferstanden.

Bis heute entscheidet sich an Jesus Christus alles. Darin und sich darauf einzulassen liegt die Zumutung. Das bedeutet vielen ein unglaubliches Ärgernis und eine große Herausforderung bis heute.

Einen weiteren Stolperstein stellt der erste Versteil dar, der nicht Bestandteil der Jahreslosung ist, aber mit angesehen werden muss. Da heißt es:

„Alles, was mir mein Vater (also Gott) gibt, das kommt zu mir.“

Und in Vers 65 heißt es noch einmal:

„Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von dem Vater gegeben.“

Ja was denn nun? Eben hieß es doch noch: Wirklich jeder Mensch ist eingeladen. Wurde dabei unterschlagen, dass letztlich Gott denjenigen oder diejenige aussucht. Bezieht sich das Wer von „wer zu mir kommt“ doch nicht auf alle, sondern nur auf von Gott ausgesuchte Leute, die er Jesus zuführt?

Das ist nicht leicht zu verstehen, auch für mich nicht. Aber es weist uns darauf hin, dass wir den Glauben nicht machen, verordnen oder erzwingen können. Glaube ist nicht einfach und nach eigenem Gutdünken verfügbar, sondern ist ein Geschenk und sei es nur als kleiner Funken, der mich veranlasst, trotz allem, was vielleicht dagegen steht, zu Jesus zu kommen. Der erste Versteil vor der Jahreslosung, stellt also eine weitere Zumutung und Herausforderung dar.

Beim Hören darauf und Nachsinnen darüber kann mir helfen, ganz schlicht auf Gott zu vertrauen, darauf, dass er souverän ist, gut, gnädig und barmherzig und dass er aus Liebe in Jesus alles getan hat, mir eine neue Beziehung zu ihm zu ermöglichen und damit ein Leben, das zur Ruhe kommt und erfüllt ist und nicht mehr einem wie auch immer gearteten Mehr nach Leben nachjagt

Dass das Gott für alle ein Anliegen ist, davon zeugen viele Aussagen in der Bibel, z.B.

„Also hat Gott die ganze Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh. 3, 16)

„Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim. 2, 4)

Gott geht es um alle Menschen. Aber jeder Mensch hat dennoch die eigene Entscheidung, die Einladung nicht anzunehmen, sie auszuschlagen oder sich im Trotz bewusst gegen Gott zu wenden.

In diesem ersten Versteil liegt auch ein berührender und heilsamer Gedanke:

Ich bin eine Gabe Gottes an Jesus Christus. Und Jesus führt im Kapitel 6 u.a. dazu aus, dass er nach Gottes Willen keinen, der gekommen ist verlieren sondern mit ewigem Leben beschenken will.

In besonderer Weise führt uns in der Bibel das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor Augen, wie Gott ist. In Verbindung mit der Jahreslosung lohnt es sich, dieses Gleichnis mal wieder zu lesen und zu bedenken.

Einige Gedanken zum Schluss:

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“

Alle, wirklich alle sind gemeint. Wenn ich zu Jesus gekommen und von ihm angenommen worden bin hinein in die neue Beziehung zu Gott, kann ich dann selbst oder wir in der Gemeinde noch sortieren wer passt oder nicht, nach genehm und sympathisch oder nicht, nach geeignet oder nicht?

In unserem nahen und fernen Umfeld geht es auf unterschiedliche Weise um die Stillung des Lebenshungers und wie damals in der Hintergrundgeschichte um ein immer Mehr. Liegt es mir noch auf dem Herzen, von meinen Glaubenserfahrungen weiterzugeben und auf Jesus hinzuweisen, der Leben, Halt und Orientierung geben will, der will, dass unser Leben gelingt mit einer Perspektive, die über unser Leben hinausreicht?

Auch dir und mir ganz persönlich gilt heute die Einladung und Zusage, „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Ganz egal in welcher persönlichen Lebenssituation ich mich gerade befinde. Jesus ist das Brot des Lebens, das gilt auch für Hunger- und Durststrecken. Lässt du dich in diesem Jahr darauf ein, egal wie zaghaft oder widerstrebend?

Ich wünsche uns allen für das neu angebrochene Kalenderjahr, dass wir uns bewusst auf diese Jahreslosung einlassen und Erfahrungen dadurch machen, die für uns und andere heilsam sind.

Gottes Segen und Bewahrung im neuen Jahr!

Amen

Gunther Otto
(Gemeindeleiter)
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