Der Blick zurück

Viele Menschen schauen derzeit nach vorne. Es scheint Licht am Ende des Tunnels zu geben. Die Impfungen zeigen erste Erfolgen. Die Sterblichkeitsrate unter den alt gewordenen Menschen ist deutlich gesunken. Die Inzidenzzahlen sinken. Offensichtlich wirkt die „Notbremse“, ebenso das vermehrte Testen, das die Virusverbreitung frühzeitiger stoppt.

Wie auch immer: Der Blick nach vorn scheint mir aber doch oft vom Blick zurück geprägt zu sein. Menschen wünschen sich, dass alles wieder so wird, wie es „vor Corona“ war. Auch in christlichen Gemeinden gibt es diesen verständlichen Wunsch. Dennoch halte ich das aber für einen Trugschluss, denn wenn es nur mit Impfung und noch länger notwendigen Schutzmaßnahmen gehen wird, dann hat sich eben doch etwas geändert. „Nach“ Corona leben wir unter neuen Rahmenbedingungen.

Zum Blick zurück kommt mir der biblische Bericht von der Flucht Lots mit seiner Familie in den Sinn. Sodom und Gomorra sind dem Untergang geweiht. Lots Familie ist auf dem Weg in eine neue Zukunft. Sie sollen nur nicht zurückschauen. 

Eine – zugegebener-maßen – eher gruselige Geschichte, die aber sehr deutlich macht, dass der Blick zurück tödlich sein kann. Es geht darum, nach vorne zu schauen, die neue Heimat in Besitz zu nehmen und sich von Gott Zukunft schenken zu lassen.
Ganz auf dieser Linie ist das Wort Jesu aus 

Wer unter der Herrschaft Gottes lebt, blickt nach vorn. Diese Botschaft fordert Christen bis heute heraus.

Der Wunsch nach Nähe

Schauen wir also nach vorne. Menschen wünschen sich Nähe. Je nach Prägung und Charakter in unterschiedlichem Maß und unterschiedlicher Ausprägung. Aber ohne menschliche Nähe kann ein Mensch nicht leben.

Corona hat uns aber gelehrt, was schon immer galt: Nähe beinhaltet auch ein Risiko.

Wenn ich jemanden nahe an mich heranlasse, werde ich verletzlich. Deshalb können uns auch die Menschen, die uns am nächsten sind, am stärksten verletzen.

Wenn ich jemanden nahe an mich heranlasse, besteht die Gefahr der Ansteckung mit Bakterien, Viren oder auch Gedanken. Ob HIV- oder Grippevirus: Wir haben gelernt, die Gefahr einzuschätzen und ggf. Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Schwieriger ist es bei Gedanken. Es gehört schon einiges dazu, Einseitigkeiten zu vermeiden und sich umfassend zu informieren.

Vielleicht ist es sinnvoll, wieder stärker zu überlegen, wieviel Nähe man wagen möchte, und mit wem? Das Händeschütteln haben wir uns abgewöhnt. Ob es wieder kommen wird? Vielleicht muss das gar nicht sein. Man kann auch auf andere Art höflich und freundlich sein.

Eine Folge von Corona könnte ja sein, dass verbindliche und überschaubare Beziehungsgemeinschaften gestärkt werden.  Die sind mit weniger Risiko behaftet als große Menschenmassen auf engem Raum. Wer in das Neue Testament schaut, wird merken, dass das auch die Art ist, wie die ersten christlichen Gemeinden miteinander gelebt haben:

Gemeinde „nach Corona“

Diese Gedanken haben uns als Gemeindeleitung auch in unserer Klausurtagung im Februar beschäftigt. Manches davon fand in den Predigten am 14.03., 21.03. und 25.04. seinen Niederschlag. Und wir möchten in den kommenden Monaten darüber ins Gespräch kommen, wie wir als Gemeinde Beziehungen in kleinen, überschau-baren Gruppen stärken können. Das vor Corona übliche Veranstaltungsprogramm wird vermutlich noch längere Zeit auf sich warten lassen. Und das NT zeigt uns recht deutlich, dass Gemeinde Jesu nicht einfach nur Veranstalter religiöser Events ist.

„Gemeinde nach Corona“ wird kleinteiliger sein. Es wird viel mehr um Beteiligung gehen als um Konsum.

Und mit Sicherheit wird auch die Digitalisierung ihre Spuren hinterlassen. Wie viele andere auch, denken wir, dass die Gemeinde in Zukunft „hybrid“ sein wird. Es wird direkte Begegnung und Kommunikation von Mensch zu Mensch geben, aber eben auch im digitalen Raum.

Diese Herausforderungen wollen wir zuversichtlich angehen. Denn eines ist sicher und bleibt bestehen: die Zusage Jesu:

 

 

 

 

 

Harald Kufner

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